Aus Spass wurde ernst, jetzt will sie laufen.

Nachdem es aus Verletzungsgründen mit dem Alpinen Skirennsport vorbei war, fing Natascha Baer an zu laufen. Aus Spass und zur Befriedigung ihres Bewegungsdranges. Heute ist die Kanderstegerin Schweizermeisterin im Marathon und beginnt, den Spass ernst zu nehmen.

Natascha Baers bisherige Sportkarriere liesse sich in einem Satz zusammenfassen: Früher raste sie den Berg hinunter, heute rennt sie ihn hoch. Das würde dem Potenzial der 26-jährigen Läuferin aber kaum gerecht. Und dass das Kandersteger Skitalent eine zweite Chance erhält, im Spitzensport mitzumischen, ist alles andere als selbstverständlich. Doch der Reihe nach.

Mentale Stärke trotz Verletzungspech

Von ihrer Schnelligkeit erfuhr Natascha Baer spätestens dann, als sie im Skiclub von Kandersteg erfolgreich ihre ersten Skirennen fuhr. Den Migros-Grandprix, zum Beispiel. Sie schaffte es in den Regionalen Skisportverband und landete schliesslich im zarten Alter von 14 Jahren als eines von drei Mädchen in ihrem Jahrgang im Nationalen Leistungszentrum Engelberg, der Talentschmiede für junge Skirennfahrerinnen schlechthin.

Es schien perfekt, doch dann kam alles ganz anders. Bereits im ersten Jahr in Engelberg suchte sie das Pfeiffersche Drüsenfieber heim. Ein Jahr später riss zuerst das Kreuzband in ihrem linken Knie und ein Jahr darauf auch noch das rechte. «So bin ich in Engelberg nie wirklich auf Touren gekommen», erinnert sie sich und fügt ohne Wehmut oder Gram in ihrer Stimme hinzu, dass sie im Nationalen Leistungszentrum keine einzige ganze Saison habe durchfahren können.

Letzten Endes waren es die Verletzungen, die sie zwangen, den Alpinen Skirennsport aufzugeben. Was aus ihr ohne Verletzungspech hätte werden können? «Das weiss man nicht und ist auch nicht wichtig!», sagt sie ruhig. Natascha Baer hat nicht nur einen Weg gefunden, sich mit dieser unglücklichen Geschichte auseinanderzusetzen, sondern auch, sich damit abzufinden und sogar zufrieden zu geben. Und nicht nur das. Sie würde alles noch einmal genauso machen, resümiert sie.

«Ich wollte nie eine Läuferin werden!»

Ihre Mutter sei in den letzten Jahren eine begeisterte Läuferin gewesen, berichtet Natascha Baer und ergänzt, dass sie nach dem Aus im Skirennsport überhaupt keine neue sportliche Herausforderung gesucht hätte. Und wenn, dann schon gar nicht im Laufen.

Eher hätte sie ihre Mutter als «verrückt» bezeichnet, weil diese «stundenlang in der Gegend herum rennt». Doch der quirligen jungen Frau fehlte schon bald die Bewegung, das regelmässige Trainieren und nicht zuletzt auch das Wettkampf-Feeling.

So begann sie, ihre Mutter beim Laufen zu begleiten. Nicht immer, aber immer öfter und «nur zur Befriedigung meines Bewegungsdranges», wie Natascha Baer betont. Doch schon bald startete sie zusammen mit ihrer Mutter an einem Halbmarathon. Im Jahr 2016 bestritt sie in Davos ihren ersten Marathon.

Ihre Laufzeiten wurden immer besser

Bereits im zweiten Jahr ihrer Karriere, die eigentlich nie eine hätte
werden sollen, verbesserte sie ihre Laufzeiten stetig. Die frischgebackene Läuferin legte in der Laufsaison 2019 den Gornergrat-Zermatt-Marathon als drittschnellste Frau zurück, im gleichen Jahr war sie am Jungfrau-Marathon die bestplatzierte Oberländerin. Am letzteren, zu dem sie sich spontan angemeldet hatte, weil eine Kollegin ihr den Startplatz überliess, wurde sie sensationelle Fünfte.

Und dann wurden auch Profis auf sie aufmerksam.

Nach dem Rennen nahm der mehrfache Marathon-Schweizermeister und Trainer Richard Umberg, der schon Conny Berchtold und Franziska Rochat-Moser trainiert hatte, Kontakt mit der Kanderstegerin auf und bot an, sie beim Training zu unterstützen.

Von jetzt an wird trainiert

Baer nahm an und war spontan dabei, als Richi Umberg mit der Idee daher kam, die Schweizer Meisterschaft im Marathon zu laufen. Natürlich nicht mit dem Ziel, dort zu gewinnen, sondern nur, um zu schauen, ob die Kandersteger Läuferin auch im flachen Gelände fähig war, einen Marathon zu laufen. Sie war fähig.

Mit scheinbarer Leichtigkeit wurde sie Schweizermeisterin. Die 25jährige Frutigländerin erreichte damit etwas, was andere Frauen erst anfangs Dreissig schaffen. «Eigentlich bin ich für solche Sachen noch zu jung!», lacht sie.

Doch jetzt ist für Natascha Baer klar, aus dem Spass wurde ernst. «Stundenlang in der Gegend herumrennen» bereitet ihr grossen Spass, ihre Resultate sind sehr gut und sie hat jetzt sogar einen Trainer.

Darum möchte Natascha Baer in Zukunft noch stärker auf die Karte Leistungssport setzen – und sucht einen Teilzeitjob, der ihr genug Freiraum dafür lässt. «Nicht jeder erhält eine zweite Chance im Spitzensport, umso mehr möchte ich meine nutzen», sagt sie.

Eine nächste Chance, sich zu beweisen, erhält Natascha Baer an den hoffentlich bald wieder statt findenden Wettkämpfen. Und irgendwann, träumt die Läuferin, winkt vielleicht eine Teilnahme an der Berglauf-WM oder sogar an den Olympischen Spielen.